Digitale Barrierefreiheit – mehr als eine Pflicht

Digitale Barrierefreiheit im E-Commerce: Warum Inklusion unser Business besser macht

Digitale Barrierefreiheit wird oft als lästige Pflichtaufgabe missverstanden – als reine Technik-Checkliste für eine kleine Minderheit. Doch diese Sichtweise greift zu kurz. Aus den Impulsen unseres letzten ECIÖ-Events mit Experte Lorenz Miller (MyAbility) nehmen wir vor allem eines mit: Barrierefreiheit ist kein Nischenthema, sondern der Schlüssel zu einer besseren User Experience für alle.

Seit Juni 2025 ist die gesetzliche Lage klar, doch für uns als E-Commerce-Community – egal ob Händler, Agentur oder Startup – geht es um mehr als Compliance. Es geht darum, niemanden an der digitalen Ladentür abzuweisen.

Ein Perspektivwechsel: Nicht der Mensch ist das Problem

Das Wichtigste, was wir verinnerlichen müssen, ist der Wechsel vom medizinischen zum sozialen Modell. Was bedeutet das konkret für unsere Shops, Kundenprojekte und digitale Produkte? Wir hören auf, die Einschränkung als „Defizit“ des Nutzers zu sehen. Stattdessen erkennen wir: Barrieren entstehen durch die Umwelt. Ein schlecht programmierter Checkout-Prozess ist wie eine Treppe vor einem Geschäft ohne Rampe. Wenn wir Barrieren abbauen, reparieren wir nicht den User, sondern unseren Service.

Warum das für uns alle relevant ist:

  • Für Händler: Ihr erschließt eine riesige Zielgruppe (ca. 20 % der Bevölkerung leben mit einer Behinderung) und steigert die Conversion.
  • Für Agenturen: Barrierefreiheit ist ein Qualitätsmerkmal exzellenter Entwicklung und schützt eure Kunden vor rechtlichen Risiken.
  • Für Startups: Ihr baut von Anfang an ein inklusives Produkt, das auch bei temporären Einschränkungen (z. B. gebrochener Arm) oder situativen Barrieren (z. B. Sonnenblendung am Display) funktioniert.

Ein barrierefreies Web-Angebot gewinnt also nicht nur eine Nische, es verbessert die Nutzung für jeden.

Hard Facts: Die rechtliche Realität seit 2025

Wir kommen nicht umhin, die rechtlichen Rahmenbedingungen ernst zu nehmen. Das Barrierefreiheitsgesetz (basierend auf dem European Accessibility Act) ist seit Ende Juni 2025 in Kraft.

Was wir als ECIÖ-Community wissen müssen:

  • Wer ist betroffen? Praktisch jeder Webshop und jede digitale Dienstleistung (Ausnahme: Kleinstunternehmen unter 10 MA und 2 Mio. € Umsatz).
  • Das Risiko: Nutzer können Barrieren mittlerweile unkompliziert per Formular bei Überwachungsbehörden melden. Bei Verstößen drohen Strafen bis zu 80.000 Euro.
  • Die Chance: Wer jetzt handelt, sichert sich rechtlich ab. Agenturen können hier proaktiv beraten, Startups vermeiden teure Refactorings.

Checkliste: So machen wir Projekte fit für barrierefreiheit

Barrierefreiheit klingt oft abstrakt. Doch wenn wir uns ansehen, wie Blinde (z. B. mittels Screenreader) oder motorisch eingeschränkte Menschen surfen, ergeben sich klare To-Dos für Technik und Content:

  1. Die Tastatur ist King (Navigation) Können Sie den gesamten Kaufprozess oder die App-Steuerung ohne Maus durchführen?
  • Tab-Taste: Alle Elemente (Menü, Warenkorb, Call-to-Action) müssen per Tab erreichbar sein.
  • Fokusrahmen: Es muss immer visuell klar sein, wo sich der Cursor gerade befindet.
  • Struktur: Screenreader brauchen saubere HTML-Strukturen (H1, H2, H3), um den Inhalt logisch wiederzugeben.
  1. Design muss für alle sichtbar sein: Design ist mehr als Ästhetik, es ist Funktion.
  • Kontraste: Hellgraue Schrift auf weißem Grund ist oft unlesbar. Achten Sie auf ein Kontrastverhältnis von mindestens 4,5:1.
  • Farbe ist nicht alles: Eine rote Umrandung bei einem Fehlerfeld reicht nicht. Es braucht immer auch Text („Bitte Feld ausfüllen“), da farbenblinde Nutzer die rote Warnung nicht sehen.
  1. Content, der erklärt
  • Bilder: Jedes relevante Bild braucht einen Alternativtext (Alt-Text). Sonst hören blinde Nutzer nur „Dateiname_123.jpg“.
  • Videos: Untertitel sind Pflicht – und helfen übrigens auch den vielen Nutzern, die Videos mobil ohne Ton ansehen (Stichwort: situative Barriere).
  • Sprache: Keep it simple. Verzicht auf Fachchinesisch erhöht die Verständlichkeit bei allen Kunden.

Unser Fazit als ECIÖ

Barrierefreiheit und Usability sind zwei Seiten derselben Medaille. Ein Shop oder eine App, die für Screenreader optimiert ist, hat meist einen sauberen Code, lädt schneller und wird von Google (dem „blindesten“ User von allen) mit besserem SEO-Ranking belohnt.

Lasst uns Inklusion nicht als Zwang sehen, sondern als gemeinsamen Standard für exzellenten E-Commerce in Österreich.

Du möchtest mehr über den Vortag wissen? Dann schau dir gleich den ganzen Vortrag auf Youtube an! 

Zum Video!

Quellenangabe:

Vortrag: Laurenz Miller  Digitale Barrierefreiheit – mehr als eine Pflicht, gehalten am 27.11..2025 bei “Gastvortrag bei E-Commerce Initiative Österreich”.

Zusammenfassung mit Unterstützung durch künstliche Intelligenz (Gemini), final redaktionell bearbeitet durch das Redaktionsteam von der ECIÖ.